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Es gibt Weinberge, die hervorragende Weine hervorbringen. Und es gibt Weinberge, die Geschichten erzählen.
Der Römerberg in Baden gehört zweifellos zur zweiten Kategorie.
Wer heute durch die Rebgassen spaziert, blickt über die Thermenregion bis zum Wiener Becken. Kalkstein ragt aus den Böschungen, jahrhundertealte Trockensteinmauern säumen die Wege, und oberhalb der letzten Rebzeilen beginnt der Wienerwald. Was heute wie eine idyllische Kulturlandschaft wirkt, ist in Wahrheit das Ergebnis von über tausend Jahren Weinbaugeschichte.
Bereits 1120 wird der Kaltenberg erstmals urkundlich erwähnt – lange bevor der Name Römerberg überhaupt entstand. Damals bezeichnete der Begriff Kaltenberg nicht nur den heutigen Weinberg, sondern große Teile des Lindkogel-Massivs und der angrenzenden Weinberge bis nach Sooß. Seinen Namen verdankt er vermutlich dem Gegensatz zum sogenannten „Heißen Berg“ bei den Badener Thermalquellen. Während dort seit Jahrhunderten warmes Thermalwasser aus dem Boden tritt, lagen hier die kühleren Hänge des Gebirges.
Doch schon lange vor dieser ersten Erwähnung dürften Menschen diese sonnenverwöhnten Hänge genutzt haben. Das Zusammenspiel aus kalkreichen Böden, geschützter Lage und den kühlen Fallwinden aus dem Wienerwald machte den Römerberg seit jeher zu einem außergewöhnlichen Standort für den Weinbau.
Der Römerberg ist nicht zufällig entstanden.
Wer aufmerksam durch die Weingärten geht, erkennt bis heute eine erstaunliche Ordnung. Gerade Wege verlaufen den Hang hinauf, während quer dazu natürliche Geländestufen den Berg gliedern. Rudolf Maurer beschreibt den Römerberg als Weinberg mit drei markanten Terrassen, die über beinahe tausend Jahre Weinbau immer stärker ausgeprägt wurden. Entlang dieser Terrassen entstanden Wege, Parzellen und später die historischen Rieden.
Vieles spricht dafür, dass der Weinberg bereits im Mittelalter nach einem übergeordneten Plan erschlossen wurde. Wege wurden angelegt, Terrassen ausgebaut und Rebflächen systematisch vermessen – eine außergewöhnliche Leistung für diese Zeit.
Noch heute folgen zahlreiche Weinbergswege exakt diesen historischen Linien.
Kaum eine Institution hat den Römerberg so nachhaltig geprägt wie die Kartause Gaming.
Über Jahrhunderte gehörten große Teile des Römerbergs den Kartäusermönchen. Sie verwalteten ihre Weinberge mit außergewöhnlicher Genauigkeit und führten detaillierte Berg- und Grundbücher, in denen nahezu jeder Weingarten beschrieben wurde – seine Größe, seine Nachbarn, seine Abgaben und seine Besitzer. Gerade diesen Aufzeichnungen verdanken wir heute unser Wissen über viele historische Rieden.
Klöster galten im Mittelalter als die bedeutendsten Wissensträger des europäischen Weinbaus. Die Mönche beobachteten ihre Lagen über Generationen hinweg, dokumentierten Unterschiede zwischen Böden und Mikroklima und entwickelten die Bewirtschaftung ihrer Weinberge kontinuierlich weiter. Die Erkenntnis, dass große Weine in außergewöhnlichen Lagen entstehen, wurde in vielen Klöstern Europas über Jahrhunderte gepflegt – auch deshalb zählen klösterliche Weinberge bis heute zu den berühmtesten der Welt.
Der heutige Römerberg besteht aus mehreren historischen Rieden, deren Namen teilweise seit Jahrhunderten überliefert sind.
Ofenloch bildet den oberen Teil des historischen Weinbergs und verdankt seinen Namen den zerklüfteten Kalkfelsen und natürlichen Felshöhlen, die früher als „Öfen“ bezeichnet wurden. Bereits im 14. Jahrhundert wurde diese Riede urkundlich erwähnt.
Die Riede Wienerisch entwickelte sich auf den mittleren Terrassen des Römerbergs und gehört zu den traditionsreichsten Weinbergsteilen. Ihre Geschichte lässt sich anhand der historischen Grundbücher über mehrere Jahrhunderte verfolgen.
Die Riede Goldknöpfel hingegen trägt einen vergleichsweise jungen Namen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die hoch gelegenen historischen Weinbergsflächen wieder gerodet und rekultiviert. Für diese neu erschlossenen Bereiche entstanden die Bezeichnungen Goldknöpfel und Kleine Sonnleiten. Tatsächlich kehrte der Weinbau damit auf Flächen zurück, die bereits viele Jahrhunderte zuvor bewirtschaftet worden waren.
Mit der geplanten Rückkehr des historischen Namens Sieghartstal lebt zugleich ein weiterer Name wieder auf, der bereits 1318 urkundlich erwähnt wurde und damit zu den ältesten Flurbezeichnungen des Römerbergs zählt.
Der heutige Waldrand markiert keineswegs die historische Grenze des Weinbaus.
Im Mittelalter reichten die Reben deutlich weiter den Hang hinauf. Moderne Laserscans zeigen noch heute alte Terrassen, die längst wieder vom Wald überwachsen sind. Besonders rund um das Ofenloch wurde beinahe bis an den damaligen Gamingerwald Wein angebaut.
Die Arbeit dort war mühsam. Die Wege waren lang, die Böden steinig und die Erträge gering. Dennoch hielten Generationen von Winzern an diesen Lagen fest – weil sie wussten, dass gerade die kargen Kalkböden und die kühlen Nächte Weine mit besonderem Charakter hervorbringen.
Wer heute eine Flasche Wein vom Römerberg öffnet, genießt nicht nur einen Jahrgang.
Er hält ein Stück Kulturlandschaft in Händen.
Eine Landschaft, die seit über tausend Jahren Menschen ernährt, Generationen von Winzern geprägt und Klöster, Herrschaften, Kriege und gesellschaftliche Umbrüche überdauert hat. Zwischen Kalkstein, Trockensteinmauern und alten Hohlwegen entstand eine Herkunft, die sich nicht künstlich erschaffen lässt – sie ist über Jahrhunderte gewachsen.
Für uns ist der Römerberg deshalb weit mehr als eine Herkunftsbezeichnung.
Er ist unsere Heimat. Unser Geschichtsbuch. Und die Seele unserer Weine.













